Exotischer Platzhirsch

2012-04 tiepolo

Der Platzhirsch unter den klassischen Feinkostgeschäften in Mainfranken ist Faber Feinkost. Betritt man den modern gestylten Deli-Shop in Bad Kissingen, würde man das 70 Mann starke Unternehmen wohl eher in den großen Metropolen verorten als in der beschaulichen Kurstadt. Auch deshalb sieht sich Firmeninhaber Thomas Faber als „Exot in der Region“. In vierter Generation leitet die Familie noch immer das 1898 gegründete Unternehmen – einst eine einfache Metzgerei, die bis zum königlich-bayerischen Hoflieferant aufstieg und heute deutschlandweit ganz vorne mitspielt, egal ob als Full-Service-Caterer, Warenzulieferer oder Feinkosthändler.

Neben den Handelsprodukten von renommierten Marken aus aller Welt bietet Faber Feinkost eine fast unüberschaubare Palette von selbst produzierten Delikatessen an, die Kunden in einer der beiden Filialen oder im hauseigenen Bistro genießen können. Die Auswahl reicht in den Verkaufsregalen vom klassischen Weißwurstsenf bis hin zum erlesenen Trüffelöl, in der Frischetheke vom einfachen Wurstaufschnitt bis hin zu selbst gebeiztem Räucherlachs aus Schottland. Lokale Fleischwaren und internationale Käsetheke, Süß- und Trockenwaren, Spirituosen und Weine aus aller Welt, Aufstriche und Dips, Glaskonserven und Präsentekörbe – bei der großen Auswahl findet jeder Kunde etwas, das er gerne mit nach Hause nehmen möchte. 30 Leute kümmern sich täglich um Produktion und Verkauf, alleine drei Damen beschäftigt Faber ausschließlich zur Herstellung der handgemachten Feinkostsalate. Ein Teil der Eigenprodukte wird an verschiedene Feinkosthändler weiter geliefert. „Unser Wettbewerbsvorteil ist neben
unserer Identität die Qualität, an der wir jeden Tag aufs Neue arbeiten.“

Feinkost war schon immer mehr als nur exotisches Gewürz, rare Spirituose oder teurer Fisch. Faber spricht deshalb auch von „feiner Kost“, bei der es nie um den Konsum von möglichst teuren und edlen Produkten vom anderen Ende der Welt gehen sollte, sondern immer um die Kenntnisse darum und den Umgang damit. Faber spricht hierbei nicht das Genussempfinden an (ein einfaches Bauernbrot kann man ebenso genießen wie ein raffiniertes Trüffelrisotto), sondern das Bewusstsein für Qualität. „Die Herkunft der einzelnen Produkte und deren optimale Zusammenstellung sowie fachgerechte Zubereitung zu kennen, sind das A und O für die richtige Ernährung.“ In seinen Kochkursen und der hauseigenen Postille versucht er, dieses Bewusstsein für gute Ernährung weiter zu geben. „Du bist, was Du isst – so einfach ist das.“ Seine Ambitionen sind verständlich:
In unserer Gesellschaft ist ein Verfall der Tischkultur zu beobachten. Das Service mit Goldrand sei in vielen Familien ebenso aus der Mode geraten wie frisch zubereitete Speisen oder gepflegte Manieren am Esstisch – wenn überhaupt noch am Tisch gegessen wird. „Der Anspruch ist verloren gegangen, und das durchdringt alle Gesellschaftsschichten.“ Zum Einkauf lieber in den Discounter als in den Fachbetrieb, zur Mahlzeit lieber Tiefkühlpizza aus dem Karton als Abendessen auf dem Teller.

Viele Menschen trauten sich in der Regel erst gar nicht in die Nähe eines Feinkostgeschäftes aus Angst vor überteuerten Produkten. Thomas Faber findet das schade. Denn gutes Essen muss nicht immer an einen hohen Preis gebunden sein. Feinkost nämlich, im Sinne von „feiner Kost“, kann man sich nicht nur zu Weihnachten oder besonderen Anlässen gönnen, sondern jeden Tag. Feinkost ist an kein Ereignis gebunden, sondern an Gefühl und Verstand. „Gutes Essen ist Einstellungssache und die Antwort auf die Frage, ob man sich selbst etwas Gutes tun will.“ Findet zumindest Thomas Faber. Und hofft, dass dies
immer mehr Verbraucher genauso so sehen.

Quelle: tiepolo